60. Jahrestagung der Internationalen Walfang-Kommission (IWC)

Wale weiterhin weltweit bedroht

Nur Dänemark konnte es nicht lassen, für Grönland eine Buckelwal-Fangquote von je 10 Tieren für die kommenden fünf Jahre zu beantragen01.07.2008 | Quelle: Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e.V. - Auf der 60. Jahrestagung der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) im chilenischen Santiago ging es einmal mehr ums Überleben der Wale. Doch es war anders als sonst. Fast alle Länder folgten einem Appell des US-Vorsitzenden William Hogarth, keine neuen Resolutionen oder Anträge einzubringen.

Sogar Japan verzichtete auf seine üblichen Forderungen nach Küstenwalfang, vermutlich jedoch ohne darauf auch zu verzichten…. Nur Dänemark konnte es nicht lassen, für Grönland eine Buckelwal-Fangquote von je 10 Tieren für die kommenden fünf Jahre zu beantragen. Der Vorschlag wurde von der Mehrheit (36 Gegen- und 29 Fürstimmen) abgelehnt. Erstmalig waren die Mitgliedsländer der Europäischen Union gezwungen, eine gemeinsame Haltung einzunehmen. Dies missfiel vermutlich auch den anderen Skandinaviern, aber es blieb bei einem gemeinsamen Nein.

Weil ein weiterer Vorschlag für ein Schutzgebiet im südlichen Atlantik auch kaum eine Chance gehabt hätte, wurde der Antrag von Brasilien erst gar nicht gestellt. Ansonsten befassten sich die Delegierten hauptsächlich mit der "Zukunft der IWC". Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, die im Rahmen von zwei Sitzungen bis zum Juni 2009 ein "Paket" geschnürt haben soll mit allen wichtigen Punkten für eine künftige IWC. "Mit der Gründung der kleinen Arbeitsgruppe haben wir die Chance, die IWC aus der jahrelangen Verhandlungsblockade zu führen," sagte Staatssekretär Gert Lindemann, BMELV. Auch Deutschland ist in der 25 Länder starken Arbeitsgruppe.

Was in dem Paket drin sein wird, etwa Wal-Schutzgebiete, Urbevölkerungs- und Küsten-Walfang, Umweltfaktoren, Tourismus und Forschung, Fischerei und Beifang etc. wird sich zeigen. Und noch ein Thema brennt unter den Nägeln: Die bislang von der IWC kaum beachteten Kleinwale, Delfine und Tümmler. Sie sterben zu Zigtausenden durch menschliche Aktivitäten. Auch da muss sich viel ändern.

Für die Walfang-Nationen Japan, Norwegen und Island wird sich nur bei gutem Willen etwas ändern. Für sie gilt zwar seit 22 Jahren das Moratorium, also eine Art Waffenstillstand gegenüber den Walen, doch damit können sie nur zu gut leben. Mit Rücksicht auf die Walfangindustrie hatte die IWC das Fangverbot zu kommerziellen Zwecken bereits 1982 beschlossen, das jedoch erst 1985/86 in Kraft trat. Seitdem werden die Vorschriften beharrlich umgangen: Japan fängt Wale im Namen von Wissenschaft und Forschung, Norwegen, weil das Land einen Vorbehalt eingelegt hat und sich an die Bestimmungen nicht gebunden fühlt. Island operiert zwischen den beiden Möglichkeiten. In Grönland, Alaska, Russland und auf der Karibikinsel St. Vincent betreibt die Urbevölkerung Walfang, und in Korea gibt es bedenklich hohe Beifänge von Zwergwalen in Fischernetzen, die praktisch einen kommerziellen Walfang ersetzen.

In der Fangsaison 2007/8 wurden nach offiziellen Angaben 1926 Großwale harpuniert, 27 tote Wale mehr, als in der Saison 2006/7. Damit erreicht die Fangquote für Zwerg-, Bryde-, Pott-, Finn-, Sei- Grau- und Grönlandwale die zweithöchste Zahl seit der Walfang im Jahr 1986 offiziell beendet ist. Wäre Japan bei seinen Operationen im Schutzgebiet der Antarktis nicht von zwei Umweltschutzorganisationen gestört worden, wären nicht 551 sondern 935 antarktische Zwergwale getötet worden. Über 30 000 Wale wurden während des Moratoriums abgeschossen – ganz ohne Konsequenzen

Zu den Fangquoten kommen 2007/8 offiziell noch einmal 278 tote Wale, die im Beifang der Fischerei und durch Unfälle mit der Schifffahrt umgekommen sind. Die Dunkelziffer muss jedoch wesentlich höher sein. Allein für den Beifang hat der IWC-Wissenschaftsausschuss schon vor fünf Jahren eine Todesrate von über 300 000 Waltieren (Wale, Delfine und Tümmler) pro Jahr hochgerechnet. Dazu kommen noch einmal so viele Robben und weiterhin ungezählte Seevögel wie Albatrosse, Meeresschildkröten und Fische, die gar nicht gefangen werden sollten, so genannte Nicht-Zielarten.

Solche fischereilichen Todesraten können etliche gefährdete Bestände wie Schweinswale in der Ostsee, Zwergwale im Japanischen Meer und der westpazifische Grauwal auf keinen Fall verkraften. Der Baiji oder Chinesische Flußdelfin, musste 2007 nach wochenlanger Suche in seinem Heimatgewässer, dem Yangtse, als "ausgestorben" klassifiziert werden. Der Amazonas Delfin oder Boto, der Chinesische Delfin, auch Schwarzer Delfin genannt, sowie Hectors Delfin bei Neuseeland, oder der Vaquita von Mexiko können sehr bald die nächsten sein.

Der stets vier Wochen vor dem IWC-Plenum tagende Wissenschaftsausschuss der IWC macht jedes Jahr deutlich, dass Wale immer größeren anthropogenen Problemen ausgesetzt sind. Neu ist eine Arbeitsgruppe, die sich mit Hautkrankheiten der Meeressäugetiere befasst. Von Pilz- und Virusbefall ist die Rede. Und obwohl der Lebensraum Meer natürlich Bakterien und Pilze beherbergt, wird davon ausgegangen, dass chemische Schadstoffe die natürlichen Schutzschichten der Haut schädigen und das Immunsystem schwächen. Krankheiten wie Pocken und Herpes finden leichten Zugang besonders in offenen Wunden.

Seit 2006 befassen sich die Wissenschaftler aus aller Welt auch mit den sich häufenden Strandungen bei Walen, die nur selten ohne Fremdeinwirkung passieren dürften. Neben Beifängen und seismischen Untersuchungen der Ölindustrie sowie militärischen Aktivitäten mit Sonaren, stehen die Anreicherung von Schadstoffen im Verdacht, tödliche Folgen zu haben. Umweltgifte wie Quecksilber, Blei, Cadmium, DDT und PCB beeinträchtigen das Immunsystem der Tiere. Sie erkranken zunehmend an Virus-Infektionen, die offensichtlich zu Entzündungen im Innenohr und zur Beeinträchtigung der Orientierung führen. Andere Wale müssen sterben, weil sich Fanggeschirre in ihrem Maul verfangen haben, oder weil versehentlich verschluckter Plastikmüll ihren Verdauungsapparat verstopft. Sie verhungern elendig bei vollem Magen.

Mit anthropogenen Einflüssen befasst sich auch das im Vorfeld zur Jahrestagung zusammen kommende Conservation Committee, das 2003 in Berlin gegründet wurde. Bereits seit 2002 versucht der Wissenschaftsausschuss das Problem Beifang zu analysieren, und seit mehr als fünfzehn Jahren weist er darauf hin, dass die Beifangquoten an Walen und Delfinen keineswegs nachhaltig sein können. 

Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) und GRD sind der Meinung, die IWC müsse sehr wohl die Kommission für Wale, aber auch für die bislang weitgehend ignorierten Kleinwale (Delfine und Tümmler) sein. Sie müsse sehr wohl umstrukturiert werden. Dies darf natürlich nicht nur im Sinne der Walfangnationen sein. Bei einem Vorgespräch im Jahr 2006 zur "Normalisierung der IWC" wurden grundsätzlich "alle Interessierten" für eine entsprechende Sitzung nach Tokio eingeladen. Nur am Rande erfuhr man, dass alle Teilnehmer unterschreiben müssten, nicht gegen den kommerziellen Walfang zu sein.....Mal sehen, was ein neuer Anlauf bringt. Wale und Meere haben ein Umdenken nicht zuletzt unter dem Aspekt Klimawandel bitter nötig.

Die 61. Konferenz der IWC tagt 2009 auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Man wird sehen, ob sich Walfänger und Walschützer einigen können. Auf alle Fälle sollte der Walfang wieder unter die Kontrolle der IWC gebracht werden können. Nur so viel scheint klar, ganz ohne Opfer bei den Walen wird es nicht gehen – wie auch immer der Tod der Wale dann genannt wird.
Petra Deimer

back to top back to top
Meeressäuger - Cetaceen